Folge 3 – Fränzi Kühne im Interview über Digitalisierung und Menschlichkeit

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Podcast: Transforming Organisations for Humanity – Folge #3

„Jeder Mensch ist gleich viel wert, egal welcher Arbeit er nachgeht.“

Fränzi Kühne ist Gründerin und Geschäftsführerin der Digitalagentur TLGG und seit Juni die jüngste Aufsichtsrätin Deutschlands als Mitglied des Kontrollgremiums bei Freenet. Alina hat Fränzi im Berliner TLGG Office für das Interview getroffen und spricht mir ihr darüber, wie sich digitale Bildung auf unsere Gesellschaft auswirken wird.

Wir freuen uns, dir unsere 3. Podcastfolge zu präsentieren und natürlich auch auf deine Kommentare. Viel Freude beim Reinhören.

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Heute treffe ich Fränzi Kühne im Berliner Office Ihrer Agentur TLGG am Paul-Linke-Ufer in Berlin. Fränzi, wir haben uns vor drei Wochen persönlich kennen gelernt als du bei einem Venture Ladies Meetup als Panelistin im Berliner Google Office gesprochen hast. Vor neun Jahren hast du dein Jura-Studium auf Eis gelegt, um gemeinsam mit zwei Freunden die Digitalagentur „Torben Lucy und die gelbe Gefahr“, kurz TLGG zu gründen. Heute bist du als Geschäftsführerin für die Personalfragen zuständig und leitest ein Team von 170 Menschen. Ihr beratet große Unternehmen wie die Deutsche Bahn und Konzerne aus der Automotive-Branche in Digitalisierungsprozessen und expandiert mittlerweile in die USA mit einem New Yorker Office. Seit Anfang diesen Jahres sieht man dich verstärkt in der Presse, denn du bist seit Juni die jüngste Aufsichtsrätin Deutschlands als Mitglied des Kontrollgremiums bei Freenet. Liebe Fränzi, ich freue mich sehr, dass wir uns heute für Transforming Organisations unterhalten. Schön, dass du dabei bist.

Ich freue mich auch.

Fränzi, was sind die Hauptthemen zu denen TLGG Unternehmen berät?

Wir sind eine Mischung aus Kreativagentur auf der einen Seite und Unternehmensberatung auf der anderen Seite. Das heißt, wir machen Kampagnen und Community-Management für unsere Kunden aber eben auch Beratung, welche Geschäftsmodelle für unsere Kunden interessant sein könnten. Also neue Geschäftsmodelle, die sich mit Digitalisierung beschäftigen.

Auf eurer Teamseite steht ja, dass du Boss bist. Was sind denn deine Hauptaufgaben bei TLGG und welche zusätzlichen Aufgaben sind jetzt dazu gekommen seitdem du Aufsichtsrätin bei Freenet bist?

Also das Boss-Ding ist wahrscheinlich eher im Scherz gemeint. Wir sind drei Gründer und sind im Prinzip alle Boss. Und meine Hauptaufgaben sind HR, Finance, Legal und Kommunikation bei TLGG.

Und hat sich da was verändert seitdem du Aufsichtsrätin bist?

Bei TLGG nicht. Das nimmt nicht sehr viel von meiner Zeit in Anspruch. Aber ich bin gerade schon dabei zu gucken, wie komme ich in diese Position rein, was sind Themen mit denen ich mich da beschäftigen muss. Und die Hauptfrage ist, wie kann ich das Unternehmen kennenlernen, wenn ich dort nicht operativ arbeite.

TLGG berät Unternehmen in Digitalisierungsprozessen. Welchen Einfluss hat denn deiner Erfahrung nach die Digitalisierung auf das Menschenbild in Unternehmen?

Menschenbild ist so ein sehr großer und philosophischer Begriff. Deswegen tue ich mich damit ein bisschen schwer. Also worauf Digitalisierung Einfluss hat ist natürlich die Kommunikation. Also Menschen werden befähigt miteinander zu kommunizieren, abteilungsübergreifend. Und wahrscheinlich werden sie auch eher dazu befähigt unternehmerischer zu denken, indem sie neue Impulse mit reinbringen können ins Unternehmen, durch die Möglichkeiten der Digitalisierung.

Und hast du auch das Gefühl, dass sich die Rolle des Menschen an sich in Unternehmen verändert?

Um nochmal bei dem Begriff Menschenbild anzufangen, für mich hat Menschenbild und Arbeit überhaupt nichts miteinander zu tun. Der Begriff Mensch ändert sich nicht oder der Mensch ist nicht mehr wert, dadurch welche Arbeit er macht. Deswegen finde ich es so schwierig darüber zu diskutieren, weil es sich für mich nicht miteinander bedingt. Jeder Mensch ist gleich viel wert, egal welcher Arbeit er nachgeht. – Wie war die eigentliche Frage?

Wie sich die Rolle des Menschen verändert innerhalb der Digitalisierung.

Ich glaube, der Einzelne kriegt wahrscheinlich mehr Gehör. Durch die Digitalisierung, durch Möglichkeiten, die es gibt miteinander zu kommunizieren. Und auch durch neue Felder, die sich öffnen werden innerhalb von Konzernen. Ich glaube auch, dass sich Konzerne dadurch diverser aufstellen, weil sie einfach viel viel mehr die Diversität von Menschen brauchen, um das ganze Thema zu fassen. Also wahrscheinlich ergeben sich für Menschen mehr Möglichkeiten.

Befragt man die Daten aktuell, dann macht Arbeit ja zunehmend krank. Immer mehr Menschen, auch gerade junge Menschen, leiden an Burnout und Depression. Welchen Blick, welche Maßnahme brauchen wir, um dies zu ändern. Und in wieweit siehst du hier vielleicht einen Zusammenhang zwischen zu individueller Entfaltung, Persönlichkeitsentwicklung und Selbstverwirklichung? Also glaubst du z. B. etwa, dass ein anderes Selbstverständnis nötig ist, damit Arbeit uns in Zukunft glücklicher machen kann?

Da fange ich bei mir an. Mich macht die Arbeit glücklich, wenn ich das mache was ich gut kann und was ich liebe zu tun. Ich glaube, dass ist auch das worauf sich Menschen konzentrieren müssen. Also auf sich selber. Was macht mir Spaß, sich selber kennen und zu wissen was einem Spaß macht. Dann auch immer eine Reflexion stattfinden zu lassen. Ist das was ich tue, das was mich weiterbringt, was meine Bedürfnisse befriedigt? Das wird wahrscheinlich das sein, wo ich denke, dass das Glück bringt für einen selbst. Und weniger dieses, was ein Konzern oder ein Unternehmen so drauf stülpt, sondern wirklich immer auf sich selbst zu gucken.

Und inwieweit siehst du da Bedarf, dass Unternehmen Maßnahmen ermöglichen, sodass die Menschen in diesem Unternehmen besser herausfinden, was sie selbst mögen und lieben?

Das glaube ich auf jeden Fall. Dass sich Unternehmen damit beschäftigen müssen, was sind Angebote für Mitarbeiter, was müssen wir bieten an Weiterbildung, an individuellen Coachings und so. Das ist Teil unseres Alltags. Also hier bei TLGG ist das so und in Konzernen weiß ich, dass das immer mehr in den HR Abteilungen Thema ist und das ist natürlich mega wichtig. Setze ich aber als Grundlage in der heutigen Zeit voraus.

Dann sind wir wieder bei dem Menschenbild, dieses große, sehr philosophische Konstrukt. Welches Menschenbild würdest du denn sagen, ist in deinem Unternehmen etabliert? Und was für ein Menschenbild ist in der Digitalagenturbranche generell geprägt ist. Und welche Herausforderungen ergeben sich dadurch?

Bei uns, bei TLGG sind Menschen mit total diversen Backgrounds. Was sie alle vereint ist die Liebe zum Digitalen. Und die Leidenschaft und das Interesse dafür. Und wir suchen immer Leute die eigenverantwortlich arbeiten wollen, die sehr viel Verantwortung übernehmen möchten und die sehr lösungsorientiert sind. Und das ist glaube ich auch eine gute Grundlage, um erfolgreich Projekte machen zu können.

Und ist das auch so generell in der Digitalagenturbranche oder gibt es da Unterschiede? Was vielleicht auch Menschlichkeit angeht oder Ansätze, die geprägt werden auch durch die Führung? Wie ist deine Erfahrung?

Das ist eine gute Frage. Ich habe nicht sonderlich viel Einblick in andere Agenturen. Also ich glaube, das macht jede Agentur noch so für sich. Das was ich manchmal höre ist, so über klassische Agenturen, die noch einen sehr, wie soll man sagen, alt geprägtes Führungsbild haben, auch im Hinblick auf Männer-Frauen-Rollenbilder. Und das finde ich dann schon aus Erzählungen öfter ziemlich erschreckend. Wie sich dieser 80er-Jahre-Führungsstil da noch immer hält.

Wie würdest du denn euren Führungsstil beschreiben bei TLGG?

Als sehr menschlich, sehr kooperativ, sehr respektvoll, auf Augenhöhe. Und eben im Hinblick darauf, was der individuelle Mensch, der bei uns arbeitet, erreichen möchte, was ihn voranbringt, welche Ziele er hat. Und wir das eben unterstützen.

Welche Maßnahmen für ein positives Menschenbild oder zur Unterstützung eines positiven Menschenbildes setzt dein Unternehmen denn bereits um? Du hast gerade gesagt, dass du z. B. interne Coachings besonders wichtig findest. Und welche Maßnahmen sind vielleicht noch in Planung, worauf freust du dich da besonders?

Wir machen regelmäßig Führungskräfte-Coachings, wo die Leute, die bei uns in Führungsrollen sind dahingehend geschult werden, wie sie Führen. Das ist glaube ich die Grundlage, um ein gesundes Unternehmen zu haben. Was für mich total toll ist beziehungsweise was ich im letzten Jahr gemacht habe, ist so ein Gründertag mit Constanze Buchheim von i-potentials. Dort wurden Gründer in den ganzen Theorien, in den ganzen Methodiken geschult, wie Führung funktioniert, was macht man in kritischen Situationen, in Feedbackgesprächen. Was sind auch motivatorische Faktoren in Mitarbeitergesprächen und so weiter. Das finde ich für mich unheimlich spannend und finde es auch essentiell, dass ich mich darin weiterbilde, um das dann eben wieder ins Unternehmen tragen zu können. Also das geht alles wieder vom Management-Team aus und dann eben nach unten. Und nicht nur die Mitarbeiter weiterbilden, sondern auch das Management-Team muss sich immer weiterbilden.

Fränzi, wie ist denn deine Vision für Leben und Arbeiten in der Zukunft? Wie werden wir beispielsweise 2030 leben und arbeiten?

2030. Das ist eine so abstrakte Zahl und wir leben ja total im Moment. Also ich weiß nicht, was vor zehn Jahren war oder so. Das fällt mir immer unheimlich schwer sowas zu beantworten. Vielleicht ist so der Ansatz für mich die Beobachtung meines Kindes. Wenn ich mir mein Kind vorstelle ich 14 Jahren, das wird in der Pubertät sein und das wird wahnsinnig anstrengend sein aber sie wird dann in einer Welt leben die immer mehr auf Software basiert. Ich glaube, der ganze digitale Alltag wird natürlicherweise die Ansätze die wir heute schon sehen, innehaben. Also autonomes Fahren im öffentlichen Nahverkehr.

Und wenn ich da auf das ganze Schulsystem gucke, es gibt jetzt schon kleine Initiativen, die im Bereich Digitalisierung in der Schule sich damit auseinandersetzen und beschäftigen. Ich hoffe einfach, dass es dann zum Alltag geworden ist im Bildungssystem. Digitalisierung, Medienkompetenz – weil es einfach notwendig ist digitale Bildung mit anzubieten. Um auch zu vermeiden, dass die Gesellschaft immer weiter auseinander kippt. Die Leute, die die ganzen digitalen Möglichkeiten nutzen, aber eben nur nutzen und nicht das ganze Dahinter verstehen. Und da befürchte ich, dass die Gesellschaft immer weiter auseinandergeht. Und das würde ich gerne vermeiden, indem wir eben eine breite Diskussion haben über Kompetenz in diesen Bereichen, über Digitalisierung an sich.

Du meinst im Bildungsbereich?

Überhaupt. Nicht nur im Bildungsbereich, sondern eben auch in der Politik. Die ganzen Weichen werden in der Wirtschaft, in der Politik gestellt. Und Unternehmen müssen sich damit beschäftigen. Der Ansatz kann heute nur sein, eine Diskussion darüber aufzumachen.

Das ist ein spannender Punkt. Weil sich damit vielleicht auch letztendlich das Verständnis von Mensch verändert. Du hast jetzt von einer Schere gesprochen. Das heißt, die einen haben Zugang zu digitaler Bildung und die anderen haben keinen Zugang. Das kann zu Ausgrenzung führen. Was man zum anderen auch beobachten kann, was auch ein bisschen mit diesen Forschungsdaten, die ich vorhin genannt habe, zusammenhängt, dass digitale Nutzung auch zu Krankheitsbildern führen kann. Wenn wir nicht als Menschen lernen, wie wir uns gegenüber den Tools positionieren.

Ja, und das müssen wir unseren Kindern beibringen. Das ist halt schwierig, wenn ich beobachte, dass es in unserer Generation ja schon so ist, dass Leute teilweise noch nicht mal einen Facebook-Zugang haben oder ein Smartphone. Und auf der anderen Seite aber ihre Kids damit einhergehen, wie mit Messer und Gabel essen. Also das ist halt so mega schwierig. Das darf nicht passieren, dass die Schere da noch weiter auseinandergeht.

Und wie würde das Optimum aussehen in 2030?

Das es ein ganz normaler Bestandteil im Bildungssystem ist. Da rede ich nicht von Programmieren als Pflichtfach, sondern eher die Integration dessen in die normalen Fächer. Dass eine Nutzung von den Geräten in der Schule stattfindet aber eben auch Medienkompetenz, wenn man dieses große Wort nehmen möchte, vermittelt wird. Also wie gehe ich mit einem Shitstorm um, der gegen mich auf Facebook gemacht wird, was ist Mobbing, wie kann ich mich da verhalten. Das sind alles Themen womit die Kinder zu tun haben werden, automatisch.

Dann die letzte Frage: was sind deine drei wichtigsten Hashtags?

Oh ich habe so viele wichtige Hashtags. Also eines ist #bäm. Das passiert immer, wenn wir einen neuen Kunden gewinnen oder wenn sonst irgendetwas Großartiges passiert. Dann gerade jetzt ist es #sonntaghabeichwasbesseresvor. Das ist unsere Kampagne, die wir zur Wahlbeteiligung machen, zum Thema Briefwahl. Und – #TLGG. Weil es einfach mein Baby ist.

Fränzi, dann vielen Dank für die interessanten Einblicke und das schöne Interview.

Sehr gern.


Shownotes:

Torben, Lucie und die gelbe Gefahr (TLGG) GmbH

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